Aufstiegskampf in Willmsfeld, 22.4.18

Letzte Besprechung vor dem Wettkampf: Gerhard "The Power" Onnen (helle Jacke) überprüft den Nervösitätsgrad der Westerender Athleten und gibt noch ein paar Tipps aus seiner langjährigen Boßelkarriere zum Besten. Sven Frerichs, Christian Smid, Ragnar Hoffmann, Dirk Tunder und Onnens Enkel Jan Lengert (v.l.) lauschen gespannt.

23.4.2018

 

Es war Kaiserwetter in Willmsfeld. Bei grandiosem Sonnenschein mit für den April eher ungewöhnlichen Temperaturen um 26°C war es also angerichtet für ein schönes Boßelfest.

Die Männer I-Vertretungen von Ardorf II, Großoldendorf, Oldeborg-Siegelsum, Altharlingersiel, Marx und Westerende-Kirchloog fanden sich gegen 13.30 Uhr im Kummerweg, Ecke Foortweg ein, um die zwei Aufsteiger in die höchste ostfriesische Spielklasse im 8er-Boßeln zu determinieren. Nach der am Ende doch sehr souverän errungenen Meisterschaften im KV Aurich war die Ostfrieslandliga das klar definierte Ziel der Lütje Holter Werfer und um diesen Traum zu verwirklichen, wurde die Pause zwischen dem letzten Wettkampf und der Aufstiegsrunde dafür genutzt, um das schwierige Geläuf in Willmsfeld immer wieder zu trainieren. Am Ende hatte jeder Werfer Lütje Holts mindestens zwei und maximal sechs Trainingssessions auf dem Buckel und man war fest entschlossen, die Rückkehr in den überregionalen Spielbetrieb, also das Tüpfelchen auf dem I, zu realisieren.

Christian "Pumuckl" Smid harderte am gestrigen Sonntag ein ums andere Mal mit seiner Wurfleistung, legte aber mit einem  tollen Anwurf, der die 200-Meter-Marke locker übertraf, den Grundstein für eine in der Gesamtbetrachtung als ansprechend einzustufende Leistung der Holzburschen.

"Buckel" lautete auch das Stichwort für die treffende Beschreibung der Strecke in Willmsfeld. Auf den ersten Blick wirkt die Straße einfach und zutraulich, doch verfügt sie über zwei böse Erhebungen, die ein Werfen von unten nahezu unmöglich machen, da die Kugel in 90% der Fälle bereits vor dem Erreichen der Mittellinie wieder nach unten abgelenkt wird. Die Westerender hatten dieses Manko  bereits im Training erkannt und entschieden sich somit zu der im modernen Boßling eher ungewöhnlichen Variante, auf dem Strich oder sogar darüber zu laufen; immer in der Hoffnung, die teilweise vorhandene Rille im oberen Straßenbereich zu treffen.

Die Holzdivision wusste bereits seit der Meisterfeier, dass Stammwerfer Simon Hanssen arbeitsbedingt fehlen würde (Hanssen weilt aktuell in Russland und lässt sich dort einschneien) und musste sich somit eine Alternativlösung einfallen lassen. Glüklichweise verfügt Lütje Holt über eine starke Männer II-Truppe, sodass man sich dort bedienen konnte und kurzerhand Stefan Coordes und Roland Harms akquirierte, die sich sogar dermaßen engagiert in den Dienst der Mannschaft stellten, dass sie im Vorfeld auch an zwei Mannschaftstrainings teilnahmen.

Roland Harms ist zwar schon in der Männer II-Mannschaft Lütje Holts aktiv, zeigte aber am Sonntag, dass er noch lange nicht zum alten Eisen zählt. Immer dann, wenn seine Erfahrung gebraucht wurde, lieferte er einen guten Wurf und gab dem Team so zusätzliche Sicherheit.

Westerende ging in Holz folglich mit Christian Smid, Roland Harms, Jens Ufken und Christian Smid an den Start. Stefan Coordes fungierte als Anweiser, Ingo "Harvey" Weber feuerte seine Jungs nach Kräften an.

Smiddi Smid hatte nun die prestigeträchtige Aufgabe, vor den versammelten 6 Gummimannschaften und weiteren Zuschauern einen ordentlichen Anwurf für sein Team auf den Asphalt zu drapieren. Der junge Profitischler behielt die Nerven und feuerte die Kugel mit Schmackes an den oberen Straßenrand, woraufhin  sie über 220 Meter zurücklegte. Selbst im Training war ihm vom Anwurfpunkt kein derartig guter Wurf gelungen.

Der Start war also gelungen und nun war es der Routinier Roland Harms, der liefern musste.

Wie auch in der Generalprobe versemmelte Harms seinen Wurf, da er ihn mit zuviel Finger nach unten drehte und so nur ein wenig mehr als 100 Meter schaffte.

Die Nummer 3 der Lütje Holter, Jens Ufken, deutete die Abfolge der beiden Würfe gleich als gutes Omen und sagte, dass er jetzt bestimmt die Rille treffen würde. Jedenfalls war ihm dies auch im Abschlusstraining gelungen.

Gesagt, getan. Der daumenlastig agierende Brüllhannes lief an und schleuderte die Kugel in die auf der oberen Straßenseite befindliche Rille. Nach ca. 300 Meter Laufstrecke verließ die Kugel wieder die Strecke und Sven Frerichs stand nun ca. 70 Meter vor der Linkskurve.

Die Ardorfer  konnten der Anfangsoffensive der Auricher indes nicht folgen und lagen zu diesem Zeitpunkt bereits mit zwei Würfen im Hintertreffen.

Der Hobbyinvalide Jens Ufken, der sich vor dem Wettkampf angesichts seines Outfits maßlos darüber ärgerte, keine gelben Socken zu besitzen, fand sehr gut in den Wettkampf und zeigte auf den ersten zwei Dritteln der Strecke eine ansprechende Leistung. Als er auf der Rücktour jedoch bemerkte, dass er seinen kleinen Finger scheinbar zu Hause vergessen hatte, entschied er sich kurzerhand dazu, den Fingerspezialisten Stefan Coordes zu bringen. Ein goldrichtige Entscheidung, da dieser das Vertrauen auch mit zwei ansprechenden Würfen zurückzahlte und somit ebenfalls seinen Beitrag zum Erfolg der Truppe erbringen konnte.

Frerichs platzierte die Kugel vor der schwierigen, weil sehr spitzen Kurve, mustergülitg auf der Straßenmitte, die Kugel durchlief diese mühelos und verließ die Straße erst nach einer Zeit am oberen Straßenrand. Ein toller Wurf, dem die Ardorfer wiederum nicht folgen konnten, sodass Westerende weiter am Ausbau der eigenen Führung feilen konnte.

Es folgten weiter ein paar gute und solide Würfe von den Roten, jedoch hatten vor allem Sven Frerichs und Roland Harms auf dem Weg zur gefürchteten Kurvenpassage ihre liebe Mühe mit dem Geläuf und setzten den ein oder anderen Wurf zu hoch oder zu tief.

Als erste Diskussionen aufkamen, ob man Sven Frerichs aus der Partie nehmen sollte, entschied man sich dazu, das schwierige Schlussstück der Hintour abzuwarten, da der Lütje Holter Schlusswerfer sich auch in anderen Wettkämpfen immer wieder als ausgewiesener Kurvenspezialist ausgezeichnet hatte.

Diese Entscheidung sollte sich als goldrichtig herausstellen. Nachdem Roland Harms eine schöne Bombe durch die Linkskurve nach der endlos wirkenden Geraden gejagt hatte, stellte Jens Ufken den besagten 4. Mann Westerendes mit einem schönen Fingerwurf direkt vor die extrem langgezogene Rechtskurve.

Man sieht sofort, wenn er unterwegs ist: Dampfmaschine Sven Frerichs, der in seiner Freizeit Mandarin und Chinesisch lernt und schwierige Begriffe wie "Hallo" und "Auf Wiedersehen" bereits mühelos mittels Google-Übersetzer wiedergeben kann, hatte auf der Hintour seine liebe Mühe mit der Strecke, fing sich aber dann rechtzeitig  in den Kurven und konnte sich bis zum Ende der Begegnung stabilisieren.

Jetzt zauberte der 25-jährige Soldat ein gar wunderbares Ass aus den kurzen grünen Ärmeln und kurbelte die Kugel wunderbar am Mittelstrich entlang auf die Folgegerade. Die gesamte Kurve hatte er so mustergültig überbrückt und die Ardorf hatten wiederum, nachdem sie zwischendurch zwei Würfe aufgeholt hatten, ihre liebe Not, hinterherzukommen.

Die Situation eskalierte auf Seiten der Westerender als Christian "Smiddi" Smid eine Granate auf der Geraden zündete und die Kugel fast bis auf die Zwischengerade in Richtung anschließender Linkskurve feuerte.

Der HSV-Fan Harms hatte nun einen äußerst diffizilen Stand, da die Straße von rechts nach links kippt und er somit ein optimales Timing benötigte, um die Kugel nicht nach 50 Metern im Graben zu versenken. Auch dieser Wurf gelang sehenswert.

Leider stand der 35-jährige Ufken nun direkt im Eingang der abschließenden Linkskurve und ihm war sofort klar, dass er seinen Wurf nicht mit voller Kraft angehen dürfe, wenn er seinen Teamkameraden Frerichs optimal auf die Schlussgerade platzieren wolle.

Der Grobian entschied sich für einen gefühlvollen Wurf entlang der Mittellinie und Frerichs stand tatsächlich optimal auf der letzten Geraden.

Der Westerender Gegner kam indes überhaupt nicht mit den Kurvenwirrwarr  klar - sie gaben bereits vorher zu Protokoll, im Training nie soweit gegangen zu sein - und lagen zu diesem Zeitpunkt bereits eine komplette Runde zurück.

Motorrad-Fan Frerichs war jetzt on fire und fingerte die Kugel locker-leicht über den Strich bis zur Bushaltestelle. Mit etwas Fortune hätte er noch den Bordstein der Bushalte erwischen und die Wende überwerfen können. Diese Aufgabe oblag jedoch wenig später Christian Smid, der die Serie der guten Würfe aber abreißen ließ und seinen Wurf zu hoch setzte. Immerhin überwarf er die Wende aber noch um 67 Meter.

Stefan Coordes (links) kam kurz vor Schluss in die Begegnung und brachte sich mit zwei sehr ordentlichen Fingerwürfen in das Wettkampfgeschehen ein. Reiner Frerichs (schwarzer Rucksack) fungierte als Schiedsrichter, sein Sohn Sven und Jens Ufken gucken in dieser Situation relativ dumm aus der Wäsche.

Mit 6.1 Runden ging man über die Wende und wusste, dass man damit bereits 2 Würfe besser als das zweitplatzierte Team aus Altharlingersiel war, da man als letzte Holzbegegnung auf die 7,4 Kilometer lange Reise gegangen war. Zudem hatten man auf den Drittplatzierten bereits 1.1 Runden Vorsprung, dennoch konnte man sich nicht in Sicherheit wiegen, da man erstens noch nie die komplette Rückrunde durchgeworfen hatte und zweitens noch nichts aus dem Gummilager gehört hatte.

Somit beschwor man sich, keinen Deut nachzulassen, und den Sieg in der Holzwertung offensiv anzugreifen.

Dies gelang jedoch nur bedingt: Während  Roland Harms das Schwarz sehenswert in Richtung Bushalte knallte, jagte Jens Ufken die Kugel genau gegen das Glas des Bushäuschen, weil er seinen Wurfarm komplett verriss.

Sven Frerichs bügelte das Fehlverhalten seines Vorgängers aber wieder aus und stellte den Anwerfer Lütje Holts mit einem sicheren Wurf ca. 60 Meter vor die Rechtskurve.

Smid verfolgte nun denselben Plan wie der 35-jährige Neonfan auf der Hintour, traf aber kurz vor dem Eingang in die Kurve unglücklich eine Unebenheit auf der Straße, sodass die eigentlich gut gesetzte und getimete Kugel urplötzlich stark anstieg und im Kurvenscheitelpunkt aus der Bahn flog. Ein Wurf, der sicherlich ein besseres Ende verdient gehabt hätte.

Gute Stimmung auf Höhe der Wende: Lena Mudder wurde kurzerhand von Ardorf als Schiedsrichterin verpflichtet, Christian Smid, Jens Ufken und Roland Harms freuten sich über den guten Wurf von Sven Frerichs, während sie Stefan Coordes (v.l.) schuften ließen.

Nun duplizierten sich der Ereignisse, da alle Werfer in der Folgezeit ihre Stände aus der Hintour vorgesetzt bekamen. Roland Harms stand wieder eingangs der Geraden, die in diesem Fall von rechts nach links kippte und erledigte diese Aufgabenstellung sogar noch ein Stückchen besser als hinwärts. Mustergültig schob er die Kugel an der Straßenmitte entlang und überbrückte somit die gesamte Zwischengerade. Jens Ufken stand nun wieder denkbar ungünstig in der langen Linkskurve und konnte erneut nicht Vollgas werfen. Entgegen der Ansagen seines Teamkollegen Harms und einiger Zuschauer aus dem Männer III-Team entschied er sich wieder für die  "Halb-Gas"-Variante und zirkelte die Kugel an der oberen Grasnaht entlang  durch die gesamte Kurve und platzierte Sven Frerichs dadurch ein gutes Stück auf der Geraden vor der nächsten langen Linksbiegung.

Der Zeitsoldat konnte seinerseits seinen Wurf aus der Hinrunde wiederholen, indem er die Kugel erneut entlang der Mittellinie durch die gesamte Linkskurve zimmerte und somit über 200 Meter überbrückte. Ein grandioser Wurf und nachdem die Westerender die schwierige Kurvenserie wiederum derart gut gemeistert hatten, wuchs der Vorsprung vor Ardorf sukzessive an.

Auch wenn er nicht zum Einsatz kam, war Ingo "Harvey" Weber voller Enthusiasmus dabei. Roland Harms und Stefan Coordes (v.r.) begaben sich in dieser Situation zusammen mit ihm auf die Kugeljagd im Weiher.

Nun ging es also wieder auf das finale Stück mit den zweieinhalb Kurven und den über 2 Kilometer langen Geraden. Zu diesem Zeitpunkt machte sich allerdings allmählich der lange Wettkampf bei den hohen Temperaturen bemerkbar, denn jeder Werfer im Team der Roten leistete sich seine schwachen Momente und so richtig konnte keiner mehr die Konzentration auf dem höchsten Niveau halten, um sehr gute Weiten zu erzielen oder mal mehrere gute Würfer hintereinander zu erbringen. Alle Würfe bewegten sich zwischen 100 und 160 Metern, der Rest der Strecke wurde ergo äußerst unspektakulär abgespult.

Die Nummer 3 in der Westerender Werferreihenfolge stellte dann fest, dass er vermehrt dazu tendierte, seine Würfe mit dem Daumen nach unten zu drehen und entschied sich kurzerhand dazu, Stefan Coordes, einem ausgewiesenen Fingerwerfer, eine Chance zu geben und selbst die Partie zu verlassen. Beide Akteure tauschten also die Aufgaben und so zeigte Jens Ufken in der Folgezeit seinen Kollegen an und schaffte es obendrein noch, in der kurzen Zeit den Boßelsucher zu zerstören.

Coordes erledigte dagegen seine beiden Aufgaben bis zum Schluss mustergültig und setzte den Westerender Schlusswerfer ca. 40 Meter vor die Ziellinie. Sven Frerichs hatte nun die vermeintlich leichte Aufgabe, die Kugel vor den Augen des anwesenden Publikums nur noch über die Zielmarkierung zu pusten. Unter der Last der zahlreichen Blicke können sogar 40 Meter eine ordentliche Weite sein, doch irgendwie schaffte es sein doch sehr stark nach unten gekurbelter noch über die magische Linie und blieb nach 59 Metern liegen. 

Der Wurf hatte sicherlich keine Chance darauf, den Preis in der Kategorie "Schönster Wurf" zu gewinnen, aber das war den Westerendern völlig egal. Sie feierten ihren Svenni euphorisch, denn nun stand fest, dass sie Rang 1 mit glatten 13 Runden sicher hatten, da alle anderen Teams zum Teil deutlich mehr Würfe benötigt hatten. Lediglich Altharlingersiel war mit 13.2 Runden noch in Schlagdistanz geblieben, drei weitere Teams lagen bei 14.1 Durchgängen und Großoldendorf bei 15.1.

Holz hatte also geliefert, nun musste Gummi nachziehen.

Die Gummigurken Dirk Tunder, der auf diesem Bild übertrieben affig seine Brust rausstreckt, Ragnar Hoffmann und Matthias Lottmann (v.l.) fieberten dem Wettkampfbeginn entgegen. Von allen Team hatten sie die längste Wartezeit, da sie sich zusammen mit dem Gegner aus Marx erst als sechste und damit letzte Paarung auf die Reise nach Blomberg begaben.

Die Begegnung Marx - Westerende war bekanntermaßen die letzte der sechs Ansetzungen und so fiel der Druck, vor einem größeren Publikum zu werfen, schon mal deutlich geringer für die roten Gummiboys aus. Lütje Holt trat im Quartett Ragnar Hoffmann, Dirk Tunder, Hendrik Bents und Steffen Lengert an, wohingegen Jan Lengert und Matthias Lottmann komplett mitliefen.

Der Anwurf des sympathischen Origamifans verlief wenig optimal, da er nicht über die Straßenmitte kam. Jedoch biss der rote Flummi sich ein ordentliches Stück am Straßenmittelteil und konnte so noch eine einigermaßen adäquate Weite erzielen. Der Gegner aus der Nähe von Friedeburg tat es ihm nach, blieb demgegenüber noch ein kleines Stück vor der Weite der Roten liegen, sodass Lütje Holt gleich mit einer Führung von 30 Metern in den Wettkampf ging.

Leider folgten die anderen Akteure Westerendes dem zweifelhaften Vorbild Hoffmanns und ließen ihre Würfe allesamt unter der Mittellinie. Überdies gab der ein oder andere noch einen kräftigen Finger mit, der Linkshänder Hendrik Bents entsprechend Daumen, sodass die Versuche eher semioptimal ausfielen, man bereits nach Dirk Tunders Wurf die Führung hergeben musste und sich nach dem vierten Wettkampfwurf von Steffen Lengert über einen komplett verkorksten Start ärgern durfte.

Es gab vor dem Wettkampf einiges zu organisieren, Kapitän Steffen Lengert (links) war demgemäß ordentlich eingebunden. Matthias Lottmann checkt vor dem Start noch kurz die Kursverläufe seiner Wertpapiere im Handy.

Runde 1 war also zum Vergessen, doch sollte sich die Nachfolgerunde nicht besser darstellen: Noch immer auf der ersten Gerade stehend jauchzte Ragnar Hoffmann die Kugel voller Elan quer über die Straße. Scheinbar wollte er die Buckel der Straße endlich besiegen, agierte an dieser Stelle aber völlig übertrieben und daneben.

Der passionierte Fingerwerfer Dirk "Mr. Tunderstruck" Tunder stand nun ca. 100 Meter vor der ersten Linkskurve und musste den Daumen einsetzen, um die Biegung mustergültig zu durchwerfen und Hendrik Bents günstig zu stellen. Dieses Unterfangen misslang komplett, da Tunder, der anfangs auf den Daumenständen überhaupt nicht in den Wettkampf fand, das Rot mit einem satten Finger dermaßen in Richtung des linken Straßenrands jagte und als logische Konsequenz die Nummer 3 Lütje Holts komplett ungünstig in der Kurve positionierte. Während die Holzköppe Lütje Holts mit Wurf Nummer 4 bereits den Linksknick überwunden hatten, war es bereits der siebte Wurf der Gummibubenbande, der diese Markierung überwand - unterschiedlicher hätte der Start für die beiden Gruppen Lütje Holts nicht verlaufen können.

Männer II-Werfer Detlef Tunder agierte am Sonntag als Schiedsrichter. Hendrik Bents und Jan Lengert (v.l.) klärten letzte Details vor dem Start der Auseinandersetzung mit Marx.

Wurf Nummer 7 war aber keineswegs ein guter: Hendrik Bents lief ganz oben an und schoss die Kugel geradewegs in den unteren Straßengraben. Die Kurve war überwunden, wenn auch nur knapp. Kapitän Lengert war es dann, der die ersten zwei Chaosrunden mit einem durchwachsenen Wurf, der es wiederum nicht über die Mitte schaffte, beendete.

Der Fehlstart war perfekt und die Köpfe des sehr jungen Teams (nur Anwerfer Hoffmann darf sich mit seinen 30 Lenzen als Ü-30-Werfer bezeichnen) hingen bereits ein paar Zentimeter tiefer als zu Beginn. Man merkte der Truppe die Nervosität an und es war nun dringend notwendig, dass das Team sich einen Knotenlöser gönnte.

Und ein erster kleiner Löser folgte in Form von Ragnar Hoffmanns drittem Wettkampfwurf. Er setzte das Spielgerät wunderbar über den Strich, von wo sie sukzessive nach oben stieg und einige Zeit an der oberen Straßennaht tanzte und auf diese Art und Weise rund 200 Meter zurücklegte. Lütje Holts Werfer hatten also das erste Erfolgserlebnis verzeichnen können, neue Hoffnung machte sich nun breit im Team.

Der  an Nummer 2 werfende Dauersonnenbrillenträger zeigte sich dann aber völlig übermotiviert und wollte die Mitte ebenfalls erstmalig überwerfen. Dies schaffte er auch, doch verschwand die Kugel wenige Sekunden später im oberen Straßengraben  nach einem Raumgewinn von 50 Metern.

Dirk Tunder kam anfangs rein gar nicht in Willmsfeld zurecht und gönnte sich das ein oder andere Vollei - ganz zum Leidwesen seiner Teamkameraden. Später raffte er sich auf und besann sich auf seine bekannte Wurfstärke.

Der einzige Linkshänder im Team der Gummiwerfer zeigte im Anschluss wiederum einen guten Wurf und diese Abfolge war exemplarisch für den weiteren Verlauf bis zum Eingang in die extrem anspruchsvolle Kurvenpassage kurz vor der Wende. Gute Würfe wechselten sich immer wieder mit kleineren Versuchen ab, die Leistung der Auricher konnte zu diesem Zeitpunkt nicht als aufstiegswürdig bezeichnet werden.

Den Premierewurf in der S-Kurven-Sektion feuerte Steffen Lengert neuerlich einmal quer über die Straße, woraufhin der Vizekapitän versuchen musste, Dirk Tunder zumindest gut zu stellen, was auch gelang. Die Nummer 2 Westerendes setzte die Kugel gut und durchwarf die nachfolgende Biegung mustergültig, doch letztlich rumpelte sich das Team in Richtung Wende und war froh als man diese nach 6.3 Runden endlich erreicht hatte.

Zu diesem Zeitpunkt lag das Team auf Rang 3, hinter Großoldendorf (5.3) und Marx (6.0). Der Vorsprung auf die anderen drei Team betrug dabei lediglich ein bzw. zwei Würfe.

Von einem beruhigenden Polster durfte zu diesem Zeitpunkt also nicht gesprochen worden, auch wenn beide Westerender Gruppen zur Umkehr insgesamt mit zwei  respektive drei Würfen Vorsprung das Feld vor Marx und Großoldendorf anführten.

Willmsfeld wird ihm nicht als absolute Lieblingsstrecke im Gedächtnis bleiben. Steffen Lengert erwischte keinen guten Tag und bekam die Kugel diverse Male nicht über den Buckel.

So richtig wollte auf der Hintour keine Stimmung in der Westerender Gummigruppe aufkommen.  Insgeheim hatte sich das Team bereits gedanklich ein wenig vom Aufstieg distanziert, da man die eigene Leistung schlichtweg als nicht ausreichend bewertete.

Die nun entgegenkommende Holzgruppe brachte aber wieder Leben in die Truppe, denn immerin hatten diese bekanntermaßen die Wende in Führung liegend überwunden.

Zu diesem Zeitpunkt wusste die Gummidivision allerdings auch nicht, dass die Marxer die stärksten Gummigruppe der gesamten Verantstaltung werden sollten, sodass das eigene Wufgebahren natürlich umso kritischer bewertet wurde, schließlich lag man deutlich zurück.

Die Jungs versuchten sich zusammenzureißen, konnten aber nach wie vor nicht die notwendige Konstanz in ihre Wurfleistungen bringen. Weiterhin wechselten sich in der Kurvenpassage gute mit schlechten Würfen ab und das Team sehnte die kommenden Fingerstände herbei.

Dort angekommen, wendete sich das Blatt: Die Wurfqualität stieg merklich an und das Team begann, sich am eigenen Zopf aus dem Sumpf herauszuziehen.

Nach einem hartem Fight reichte es am Ende doch für den Aufstieg, vor allem weil sich die Gummigurken doch noch ihrer Stärken besannen und auf der Schlussgeraden drei Würfe auf Marx gutmachten.

Hendrik Bents, Steffen Lengert, Ingo "Harvey" Weber, Jens Ufken, Dirk Tunder, Sven Frerichs, Christian Smid, Ragnar Hoffmann, Matthias Lottmann und Jan Lengert (v.l.) jubelten ausgelassen im Zielbereich und waren deutlich gezeichnet von dem langen, kräftezehrenden Wettkampf und der frühsommerlichen Sonneneinstrahlung.

Den endgültigen Wendepunkt brachte dann die letzte Rechtskurve: Steffen Lengert stand gut 80 Meter vor dem Knick und musste nun versuchen, den nachfolgenden Werfer auf die Gerade zu stellen. Er lief unterhalb der Mitte an, setzte die Kugel gegen den Strich, sie fiel relativ schnell, gelangte auf die Grasnaht am unteren Straßenrand, durchquerte den Scheitelpunkt der Kurve im Gras und kehrte von dort aus wieder auf die Straße zurück, um dort weitere 80 Meter zurückzulegen. Lengerts Wurfkraft hatte dafür gesorgt, dass die Kurve sehr unorthodox in der für ihn bereits tradiotionellen Art und Weise gemeistert wurde und Ragnar Hoffmann konnte in der Folge befreit auf der Gerade aufwerfen.

Die Gummis waren nun angestachelt und hatten Bock auf geile Würfe, zumal das Team auch extrem von den herbeigeeilten Holzköppen angefeuert und nach vorne geprescht wurden.

Es folgten tolle Würfe von Hoffmann und Tunder, das Team baute seinen Rückstand von zwischenzeitlich 8 auf nur noch 3 Würfe Rückstand ab und so war es final Hendrik Bents, der rund 90 Meter vor dem Ziel stehend den Deckel drauf machen musste.

Im Anschluss wurde auf dem Vereinsgelände in Willmsfeld natürlich ausgelassen gefeiert. Unter den Gratulanten waren auch die Frauen II-Werferinnen, die es leider nicht in die Landesliga geschafft hatten.

Bents, der im Team nicht gerade als nervenstark bekannt ist, behielt jedoch eben diese und jubelte die Kugel an den oberen Straßenrand, wo sie die Ziellinie souverän überwand, dann die Straße verließ und  69 Meter hinter der magischen Linie zum Stillstand kam. Bei den angespannten Westerendern brachen nun alle Dämme, denn das Thema Aufstieg in die höchste Liga des 8er-Boßelns war damit tatsächlich realisiert worden, Lütje Holt Westerende hat damit in der nächsten Saison erstmals seit langem wieder zwei überregional agierende Teams in seinen Reihen.

Gummi hatte es in der Endabrechnung auf 12.3 Runde gebracht und wurde damit hinter Großoldendorf (12.2) und Marx (12.0) Dritter geworden. Da es jedoch zum Teil große Diskrepanzen zwischen den Holzgruppen gab, reichte es mit 25.3 Runden für Platz 1 in der Endabrechnung. Marx folgt den Aurichern mit 26.1 Runden auf Platz 2 in die Ostfrieslandliga. Danach folgten die anderen Teams mit 27.1 und mehr Runden.

Eine unheimlich lange, intensive und überaus erfolgreiche Saison der Westerender fand ihren Abschluss bei der Gaststätte Germann, wo sich das Team zusammen mit der Frauen II und weiteren Mitgliedern aus den Reihen des Vereins über die berüchtigten Hähnchenflügel hermachte.

Kirchloog freut sich auf das Abenteuer "Ostfrieslandliga" und wird alles daran setzen, dass dieses Erlebnis länger als nur eine Saison anhält. Helfen werden dabei schon zwei feststehende Neuzugänge: Philipp Harms, der 15-jährige Filius von Männer II-Werfer Roland Harms wird zum Team stoßen und Ingo Aulig kehrt nach seiner Stippvisite in Fahne zurück zu seinem Stammverein. Zudem sollen die Jugendwerfer Fynn, Thilo und Jelte stärker in das Team eingebunden werden.

Ab Mitte Juni wird das Team mit der Saisonvorbereitung beginnen und in einer Teamsitzung darüber entscheiden, ob und in welcher Form eine zweite Mannschaft gegründet werden soll (als 4er oder 8er), schließlich zählten 19 Werfer in dieser Saison zum Kader der Roten, Hilfskräfte aus anderen Vereinsmannschaften Lütje Holts nicht eingerechnet. Dies kündigte Mannschaftsführer Lengert bereits in Willmsfeld an.

Zudem wird es zu den Freundschaftsrückkämpfen gegen die Landesligisten Rahe und Reepsholt kommen.

 

-ju- (Informationen zu Gummi: Ragnar Hoffmann)

Fotos: Eugen Pernak

"Der Mannschaft". Roland "Alter Mann" Harms, Sven "Steam Machine" Frerichs, Jens "Brüllhannes" Ufken, Christian "Der junge Tischler" Smid, Matthias "Tanne" Lottmann, Stephan "Fingerveteran" Coordes (stehend, v.l.), Jan "Janni" Lengert, Ingo "Harvey" Weber, Detlef "Mr. Ur-Tunderstruck" Tunder, Dirk "Mr. Tunderstruck" Tunder, Steffen "El Capitano" Lengert, Ragnar "Origami" Hoffmann, Hendrik "Linke Poot" Bents (kniend, v.l.).

Es fehlen: Harm Auts, Thorsten Wienekamp, Eugen Pernak, Simon Hanssen, Fynn Sonnenberg, Jelte Eilers, Thilo Adomat, Timo Saathoff und Timon Meenkens.